Nach dem Lesetag ist vor dem Lesetag

In unserem Weingut am Nil in Kallstadt an der Weinstraße ist die Weinlese in vollem Gange. In diesem Jahr hat unser Oenologe Johannes Häge so früh wie nie den Startschuss für die Traubenernte gegeben. Warum das so ist und worauf es bei der Weinlese ankommt, erfahren Sie in unserem aktuellen Interview mit unserem Kellermeister.

Lieber Johannes, was war an der diesjährigen Weinlese so besonders?

Das Wetter. Die Sonne. So eine anhaltende Hitze in den letzten Monaten habe ich noch in keinem Jahr als Winzer erlebt. Und dieses Jahr war nun wirklich wettertechnisch etwas völlig neues für uns.

Musstet ihr die Weinlese wegen des Wetters vorziehen?

Ja. Wir haben in diesem Jahr bereits am 20. August mit der Lese begonnen. Normalerweise starten wir zwischen dem 07. und 10. September. Aber in diesem Jahr war für uns vieles anders, wie beispielsweise die hohen Mostgewichte und die niedrigen Säurewerte.

Was bedeutet diese für deutsche Wetterverhältnisse Rekord-Sommerhitze für die Trauben, für den Wein?

Bei den Trauben schaut man neuerdings nicht mehr so auf die Oechsle-Grade, es steht vielmehr der Säure-Gehalt im Vordergrund. Der wird bei diesen Temperaturen sehr schnell abgebaut, sodass wir niedrige Säurewerte haben. Das führt dann dazu, dass wir diese fruchtigen weißen Weine nicht mehr haben, für die Deutschland eigentlich bekannt ist.

Aber die Trauben sind gesund und wunderbar gereift, da haben das Wetter und die frühe Lese den Trauben keinen Abbruch getan – im Gegenteil.

Der heiße Sommer macht vielen Bauern zu schaffen. Für Winzer scheint die Hitze auch ein Vorteil zu sein. Wird das der beste Jahrgang aller Zeiten?

Mit solchen Aussagen bin ich vorsichtig, immerhin habe ich in den letzten zehn Jahren, neun „Jahrtausendjahrgänge“ gehabt. Für uns Winzer ist es gut, ein kühles und nasses Frühjahr zu haben und dann trockene Folge-Monate. Die Mischung zwischen Trockenheit und Niederschlag macht’s ganz einfach.

Und ganz wichtig ist: Sechs Wochen vor der Ernte ist es hilfreich, wenn kein Regen mehr fällt. Denn die Fäulnis steigt bei Nässe in den Weinbergen stark an.

Aber, und das ist ein ganz entscheidender Faktor, der immer mit einkalkuliert werden muss: Die Lese entscheidet sich in den letzten paar Tagen. Wenn es dann beispielsweise hagelt, war’s das.

Und wie wird der Wein schmecken?

Die Moste, die schon vergoren sind, sind sehr feinfruchtig und stabil. Allerdings kann ich eine gesamte Einschätzung dazu erst geben, wenn der Jahrgang komplett im Keller ist, also sprechen wir am besten nochmal in ein paar Monaten.

Und ein ganz entscheidender Punkt kommt ja auch hinzu: Denn die Rieslingernte hat noch nicht begonnen. Hier starten wir erst Anfang Oktober.

Wenn du aber schon einmal eine grobe Einschätzung geben müsstest, wie würdest du dieses Weinjahr für dich aktuell resümieren?

Bisher haben wir eine hohe Menge an einwandfreien Trauben ernten können. Wir haben aber erst circa 30 Prozent der Weinberge gelesen und haben somit noch einiges vor uns. Insgesamt wird es ein unkritischer Jahrgang, der viel Spaß auf der Flasche machen wird und viele unserer Gäste begeistern wird.


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